➤ Maria, wie kamst du zur Fotografie?
Mich hat dieses Arbeiten mit Licht und Schatten schon früh fasziniert, vor allem Schwarz-Weiß-Fotografie und die Dunkelkammer. Und ich habe gemerkt: Ich beobachte gern. Ich halte gern fest, wie Menschen sind, wie Situationen wirken. Über die Fotografie habe ich dann einen Weg gefunden, genau das auszudrücken.
➤ Und wann ist das Reisen dazu gekommen?
Eigentlich schon als Kind. Ich bin mit meinen Eltern viel unterwegs gewesen, zum Beispiel in Brasilien oder Mexiko. Das hat sich später in meiner Ausbildung verändert – da wurde es bewusster. Ich habe angefangen, nicht nur zu reisen, sondern wirklich hinzuschauen.
➤ Du warst als Fotografin kommerziell sehr erfolgreich, bevor du dich gesellschaftspolitischen Themen zugewandt hast. Wie kam es dazu?
Das war ein Prozess. 2014 war ein Wendepunkt: Der plötzliche Tod meiner Mutter hat mich tief erschüttert und mein Leben infrage gestellt. Beruflich war ich zwar erfolgreich, doch es hat etwas gefehlt. Ich habe meine Arbeit plötzlich hinterfragt und gemerkt: Ich will etwas machen, das für mich eine tiefere Bedeutung hat. Nicht nur Auftragsfotografie. Sondern Themen, die mich wirklich beschäftigen.
➤ Wie bist du auf matrilineare Kulturen gestoßen?
Auf der Suche nach Antworten habe ich mich generell stark mit Frauenrollen und gesellschaftlichen Strukturen beschäftigt. Und irgendwann bin ich auf das Konzept matriarchaler Gesellschaften gestoßen – Kulturen, in denen Frauen im Zentrum stehen, nicht als Herrscherinnen, sondern als Trägerinnen von Gemeinschaft, Kontinuität und Würde. Das hat sofort etwas ausgelöst. Ich wollte nicht nur darüber lesen, sondern wissen: Stimmt das wirklich im gelebten Alltag? 2016 bin ich dann erstmals zu den Mosuo nach China gereist.
➤ Was hat dich an diesen Gesellschaften so fasziniert?
Dieses Gefühl von Gleichgewicht. Von Gemeinschaft. Bei den Mosuo habe ich ein Zusammenleben ohne Besitzdenken, Eifersucht und Konkurrenz erlebt: Entscheidungen im Konsens, großer Respekt vor älteren Frauen und ein starkes familiäres Netz. Dass nicht Konkurrenz im Mittelpunkt steht, sondern das Miteinander – das ist etwas, das ich in unserer westlichen Welt so nicht kenne, oder nur selten. Ähnliche Strukturen habe ich später bei den Khasi in Indien, den Minangkabau in Indonesien, den Bijagós in Westafrika und den Bribri in Costa Rica gefunden.
➤ Was nimmst du persönlich aus diesen Kulturen mit?
Vor allem den Respekt zwischen Menschen – wirklich auf Augenhöhe. Auch zwischen den Generationen. Und diese Selbstverständlichkeit von Unterstützung, ohne dass man darüber nachdenkt.
➤ Wie sieht deine Arbeit dort konkret aus?
Ich reise zu diesen Gemeinschaften, ich lebe dort mit den Menschen, ich führe Gespräche. Und dann entstehen die Bilder sehr intuitiv. Oft direkt aus Begegnungen heraus. Es gibt keinen starren Plan – eher ein Hineinfühlen in die Situation. Diese Erfahrungen habe ich in meinen Bildbänden Matriarchinnen (2020) und Matriarchinnen 2 (2022) sowie in einer ARTE-Reportage dokumentiert.
➤ Gibt es Begegnungen, die dich besonders geprägt haben?
Ja, sehr viele. Besonders ältere Frauen. Ihre Präsenz, ihre Ruhe – das hat mich immer wieder sehr berührt. Und es gab auch diesen Moment, dass ich einige Jahre später Frauen wiedergefunden habe, die ich zuvor fotografiert hatte. Das war sehr bewegend.
➤ Wie wählst du deine Projekte aus?
Sie ergeben sich aus meiner Arbeit mit matrilinearen Gesellschaften. Ich gehe gezielt dorthin, aber was genau passiert, entwickelt sich vor Ort. Durch Begegnungen, Vertrauen, Gespräche.
➤ Was ist das Ziel deines Tuns?
Ich möchte zeigen, dass es anders geht. Dass Gesellschaften existieren, die ohne Dominanz funktionieren – und das seit Jahrhunderten. Mit meiner Fotografie will ich nicht nur dokumentieren, ich will berühren, irritieren, öffnen. Künftig möchte ich noch tiefer vordringen: in die Spiritualität, das Heilwissen, die gelebten Traditionen dieser Gemeinschaften. Mein Ziel ist es, Räume zu schaffen, in denen ein anderes Verständnis von Zusammenleben spürbar wird – eines, das unsere westliche Welt dringend braucht.