Foto: Filipa Peixeiro
Marion Genetti
Founder AIM HIGH
Ein Introtext wie dieser entsteht meistens zwischen vier und fünf Uhr morgens. Ich liege wach, und in meinem Geist fügen sich die Worte wie von selbst zusammen. Nach dem Aufstehen „hacke“ ich alles nur noch in den Computer (und feile dann zugegebenermaßen stundenlang daran).
Persönliche Texte schreibe ich seit 20 Jahren so. Überhaupt mag ich diese Wachphase, die nur mir und meinen Gedanken gehört. Ein Jahresrückblick soll es diesmal werden. Ich wälze mich länger hin und her als sonst. Denn 2025 war für mich so ereignislos wie kaum ein Jahr zuvor. Keine großen Dramen, keine nennenswerten Unfälle, keine Hiobsbotschaften – aber auch kein vollendeter Marathon, kein erklommener Berggipfel, kein neues Familienmitglied, kein once-in-a-lifetime-Konzert, nicht einmal eine Einschulung oder ein Umzug, überhaupt kein erstes Mal. Entsprechend schwer habe ich mich getan, die Fotokalender für die Omas zu befüllen. Ich kann schließlich schlecht von Januar bis Dezember Mallorca-Strandbilder und Kinder in Fußballmonturen zeigen.
Dr. J., der erste und beste Therapeut meines Lebens, nannte solche Zeiten „Brillenputzphasen“. Offenbar waren Stillstände schon in meinen Zwanzigern in Wien ein Thema. Sein Credo: Wir brauchen Perioden, in denen wir innehalten, klar Schiff machen – die Brille putzen –, um uns danach wieder mit voller (Seh-)Kraft ins Leben zu stürzen.
Vorbilder für mein „ins Leben stürzen“ habe ich bereits: Ich mag die heitere, selbstironische „Sch… drauf“-Art der Kaulitz-Zwillinge. Erst das Vergnügen, dann die Arbeit, so wirkt es zumindest auf mich, davon möchte ich mir gern eine Scheibe abschneiden. Auch eine Gästin im „Mein Mensch“-Podcast des SWR hat mich beeindruckt: Seit einer Infektion im Teenageralter ist sie von Kopf bis Fuß gelähmt. Man hatte für sie eine Unterbringung im Behindertenwohnheim vorgesehen. Stattdessen zog die Deutsche in eine WG, studierte und wurde eine erfolgreiche Psychotherapeutin. Später verkaufte sie ihre Praxis, um im Beiwagen des Motorrads ihres Betreuers um die Welt zu reisen.
In diesem Sinne wünsche ich mir und dir für 2026, den Mut, (vermeintlich) Verrücktes zu wagen – und dafür mit unvergesslichen Erinnerungen belohnt zu werden.
Alles Liebe, Marion ♥